Seit dem 2. Februar 2025 ist KI-Kompetenz im EU AI Act für viele Unternehmen ein konkretes Organisationsthema. Artikel 4 richtet sich an Anbieter und Betreiber von KI-Systemen und verlangt Maßnahmen zur Entwicklung von AI Literacy bei Beschäftigten und weiteren Personen, die in ihrem Auftrag mit solchen Systemen arbeiten.
Für Unternehmen entsteht daraus keine einheitliche Pflichtschulung mit festem Lehrplan. Entscheidend sind Rolle, Vorerfahrung, Einsatzkontext und Risiko der verwendeten Künstlichen Intelligenz. Genau deshalb sollte KI-Kompetenz als strukturiertes Enablement-Thema behandelt werden.
Hinweis: Dieser Beitrag ordnet den Stand vom 4. August 2026 aus Lern- und Enablement-Perspektive ein und ersetzt keine Rechtsberatung.
Was Artikel 4 aktuell verlangt
Nach den aktuellen Erläuterungen der Europäischen Kommission sollen Anbieter und Betreiber von KI-Systemen Maßnahmen unterstützen, mit denen Beschäftigte und weitere beteiligte Personen die nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und das Verständnis für den jeweiligen Einsatz entwickeln.
Dabei sollen insbesondere berücksichtigt werden:
- technisches Wissen und Erfahrung
- Ausbildung und bisheriges Training
- Kontext und Zweck des KI-Einsatzes
- Risiken des verwendeten Systems
- Personen oder Gruppen, auf die sich der Einsatz auswirkt
Die aktuelle Fassung schreibt kein identisches Kompetenzniveau für jede einzelne Person vor. Unternehmen sollten trotzdem nachvollziehbar zeigen können, wie sie AI Literacy passend zu ihrer Nutzung fördern.
Wer im Unternehmen betroffen sein kann
Der Blick sollte nicht nur auf IT oder ausgewiesene KI-Expert:innen gerichtet werden. Relevant sind Personen, die KI-Systeme betreiben, konfigurieren, auswählen, anwenden oder deren Ergebnisse in ihrer Arbeit nutzen.
Dazu können je nach Organisation gehören:
- Mitarbeitende mit ChatGPT oder Microsoft Copilot
- Führungskräfte, die AI-Ergebnisse für Entscheidungen nutzen
- HR, Recruiting und Learning & Development
- IT, Datenschutz, Legal und Informationssicherheit
- Key User und interne Multiplikator:innen
- externe Personen, die im Auftrag mit KI-Systemen arbeiten
Die konkreten Anforderungen unterscheiden sich. Eine Person, die Texte vorbereitet, benötigt einen anderen Kompetenzumfang als jemand, der ein risikorelevantes System beaufsichtigt.
Warum ein einmaliges Pflichttraining zu kurz greift
Ein dokumentiertes Training kann ein sinnvoller Baustein sein. Es beantwortet jedoch nicht automatisch, ob Inhalte zum tatsächlichen Einsatzkontext passen und in der Arbeit angewendet werden.
Ein allgemeiner 30-Minuten-Kurs kann Grundbegriffe und Regeln vermitteln. Für sichere Nutzung benötigen Menschen zusätzlich konkrete Fälle, Übung und eine Möglichkeit für Rückfragen.
Die praktische Frage lautet: Können Beschäftigte erkennen, wofür das KI-System geeignet ist, welche Daten verwendet werden dürfen, wie Ergebnisse geprüft werden und wann menschliche Entscheidung oder Eskalation nötig ist?
Ein risikobezogener Kompetenzaufbau
Ein tragfähiges Vorgehen unterscheidet mehrere Ebenen:
Gemeinsamer Mindeststandard
Grundverständnis von Künstlicher Intelligenz, freigegebene Systeme, betriebliche Leitplanken, typische Chancen und Risiken, Ergebnisprüfung und Verantwortung.
Rollenbezogene Vertiefung
Training und KI-Workshops für konkrete Aufgaben, Datenarten, Prozesse und Entscheidungsräume der jeweiligen Zielgruppe.
Spezialkompetenz
Vertiefung für IT, Governance, Datenschutz, Legal, Systemverantwortliche, Key User und Personen mit Aufgaben zur menschlichen Aufsicht.
Führung und Transfer
Coaching oder Arbeitsformate für Führungskräfte, damit sie sichere Anwendung ermöglichen, Fragen aufnehmen und neue Routinen begleiten können.
Welche Inhalte ein KI-Kompetenzprogramm abdecken sollte
- Was das eingesetzte AI-System kann und wo Grenzen liegen
- welche Tools und Daten im Unternehmen freigegeben sind
- wie Aufgaben, Kontext und Qualitätskriterien formuliert werden
- wie Fehler, Halluzinationen und Verzerrungen erkannt werden
- wie Ergebnisse fachlich geprüft werden
- welche Transparenz- und Dokumentationsregeln gelten
- wer bei Unsicherheit zuständig ist
- welche besonderen Risiken im jeweiligen Einsatzkontext bestehen
Die Inhalte sollten an Beispielen aus der tatsächlichen Arbeit geübt werden. Ein KI-Workshop macht sichtbar, ob Regeln verstanden und Ergebnisse beurteilt werden können.
Training, Workshop und Coaching sinnvoll verbinden
Ein mögliches Programm beginnt mit einem gemeinsamen Basistraining. Rollenbezogene KI-Workshops übertragen die Grundlagen auf echte Aufgaben. Coaching unterstützt Führungskräfte, Key User oder besonders verantwortliche Rollen. Follow-ups nehmen neue Fragen und veränderte Systeme auf.
Im HUMMEL Live-Online-Studio können solche KI- und AI-Workshops standortübergreifend durchgeführt werden. Die Teilnehmenden arbeiten direkt mit dem freigegebenen System und prüfen ihre Ergebnisse gemeinsam.
Mehr zur Gestaltung: KI-Schulung für Mitarbeitende.
Dokumentation, die praktisch trägt
Unternehmen sollten nachvollziehbar festhalten, warum bestimmte Zielgruppen welche Maßnahmen erhalten. Dazu können gehören:
- Übersicht der eingesetzten KI-Systeme und Nutzungskontexte
- Zielgruppen- und Rollenmatrix
- Lernziele und Inhalte der Maßnahmen
- Teilnahme- oder Durchführungsnachweise
- aktuelle KI-Richtlinie und Lernmaterialien
- Feedback, offene Fragen und Aktualisierungen
Dokumentation ersetzt keine Kompetenz. Sie macht aber Entscheidungen, Maßnahmen und Weiterentwicklung nachvollziehbar.
Ein pragmatischer Start in sechs Schritten
- KI-Systeme und Einsatzkontexte erfassen
- betroffene Rollen und Vorerfahrung unterscheiden
- Risiken und notwendige Fähigkeiten ableiten
- gemeinsamen Mindeststandard definieren
- Training, Workshop, Coaching und Transfer planen
- Maßnahmen dokumentieren und regelmäßig aktualisieren
Von Compliance zu sicherer Anwendung
Die formale Anforderung ist ein wichtiger Anlass. Der betriebliche Nutzen liegt tiefer: Menschen erkennen passende AI-Anwendungen, gehen verantwortungsvoll mit Daten um, prüfen Ergebnisse und behalten ihr fachliches Urteil.
KI-Kompetenz wird damit zu einem Bestandteil der Enablement Architecture. Richtlinien, Training, Workshops, Coaching und Arbeitsunterstützung greifen zusammen.
Die Europäische Kommission betont selbst die kontext- und risikobezogene Ausgestaltung. Eine kopierte Standardschulung ist deshalb kaum die stärkste Antwort. Sinnvoll ist ein begründetes Programm, das zur tatsächlichen KI-Nutzung des Unternehmens passt.
Offizielle Quelle: Europäische Kommission: AI Literacy – Questions & Answers.

